Demokratie und Individualität.

 

Ulrich Knoop

 

(November 2019)

 

Folgender Text wurde veröffentlicht in der Zeitschrift "Sukzession. Zwischengänge Natur - Demokratie - Kunst." Nr. I, 1/2020, 16 - 23.

 

 

 

Demokratie“ wird in den Diskussionen über Regierungsformen (Monarchie, Aristokratie oder Diktatur) als eine mögliche erörtert, so als könne sie sich aus einer Auswahl ergeben. Aber Demokratie ist heutzutage unausweichlich, was allerdings nicht aus den Erörterungen von möglichen Regierungsformen hervorgehen kann, denn die Veränderungen bzw. anderen Voraussetzungen in und seit der Antike werden bei solchen Erörterungen nicht berücksichtigt. Sie sind allerdings gravierend.

 

 

 

Da ist zunächst der Umstand, dass zu anderen Regierungsformen kein Verb gebildet werden kann. *monarchisieren“, *„aristokatisieren“ oder gar

 

* „diktaturisieren“ gibt es nicht, aber „demokratisieren“.

 

Dann ist die antike Erörterung der Regierungsformen dadurch gekennzeichnet, dass die „Demokratie“ dieser Zeit auf die griechische, möglicherweise sogar nur auf die athenische Bürgerschaft bezogen wurde, und nicht die weitere Bevölkerung Griechenlands (oder Athens) und der umliegenden Länder berücksichtigte.

 

Und die moderne Erörterung der Regierungsformen, nämlich die nach Jahrhunderten Sakralmonarchie (im Mittelalter), berücksichtigt nicht den Umstand, dass alle Staaten von den anderen Regierungsformen wegstreben und heutzutage kein Staat mehr etwas anderes sein will als eine Demokratie. Das deutet darauf hin, dass diese Regierungsform der Demokratie nunmehr alle Menschen betreffen will bzw. umgekehrt alle Menschen sich so versammeln, dass sie nur noch diese eine Regierungsform wollen: alle Menschen wollen Demokratie.

 

Damit kommt etwas in die Erörterung von Regierungsformen, das von dieser gar nicht vorgesehen war bzw. vorgesehen werden konnte: Demokratie ist heutzutage die einzige Regierungsform. Ist sie das, dann hat sich das Objekt von Regierungen so verändert, dass es nur noch von einer Regierungsform regiert werden kann, eben der Demokratie.

 

Es hat sich aber auch noch anderes verändert: Demokratie ist als einzige Regierungsform mehr als das, sie ist eine Lebens- und Gestaltungsform geworden, was sich in dem Verb „demokratisieren“ zeigt.

 

 

 

Aber was zeigt sich da? Das kann nur im Verbund mit den anderen Antworten ausgeführt werden.

 

Sichtbar wird, dass es offensichtlich um alle Menschen geht, also um jeden – was bis dahin nicht im „Weltplan“ lag, nun aber mit Macht nach vorne drängt. Der erste, der das sichtbar macht, ist einer, dem es da drum eigentlich nicht geht: Martin Luther will die seinerzeitige Kirche kritisieren, kommt aber beim entscheidenden Kritikpunkt auf den Menschen im Sinne von: 'alle Menschen' und 'jeder Mensch'. Denn Luther möchte den Menschen so begründen, dass er die „Rechtfertigung des Menschen“ in den Mittelpunkt seiner Religionskritik stellt. Jeder Mensch ist berechtigt, jeder Mensch hat ein Recht, jeder Mensch kann bzw. darf sich rechtfertigen im Sinne der Begründung, dass er existiert. Da das für jeden Menschen gilt, es also keine besonderen, keine „geweihten“ Menschen gibt, die anderen etwas voraus haben, findet Luther die Grundlegung des Menschen. Der Mensch überhaupt, und demnach jeder, ist berechtigt, ja, ist gerechtfertigt, Gott gegenübertreten zu dürfen. Dass Luther damit die Glaubenswelt letztlich auflöst – der Protestantismus dürfte nur eine Stufe sein in diesem Prozess, der über die Sklerotisierung der nunmehr katholischen Kirche zum Exitus dieser Art von Christentum führt – ist nur ein Ertrag dieser Überlegung. Der viel weiter tragende ist die Erkenntnis und die Grundlegung (vor allem gegenüber dem mittelalterlichen Sakralverständnis) des Existenzialverständnisses des einzelnen Menschen, der nun sehen kann, dass er ein (besonderer) Mensch unter allen Menschen ist.

 

 

 

Das wird dann bestärkt von einer Erkenntnis, die hundert Jahre später eine bleibende Berühmtheit erlangt. René Descartes formuliert, zunächst in einer Arbeit, die auf Französisch geschrieben ist, die Erkenntnis: Ego cogito, ergo sum – gemeinhin übersetzt mit „Ich denke, also bin ich“. (ich lasse hier beiseite, dass „cogito“ nicht 'ich denke' heißt).

 

Descartes hatte das so 1644 in seinen „Principia philosophiae“ festgehalten und formulierte damit den Grundsatz des gewissesten Fundaments der Philosophie mit entsprechenden Auswirkungen auf das (Selbst-) Bewusstsein des Menschen. Der Mensch überhaupt (und als einzelner) war nun (für lange Zeit) der eine Erkenntnispol, durch den alle Erkenntnis hindurch zu gehen hatte. Das wurde später „Erkenntnissubjekt“ (Kant) genannt und ist aufgespannt zwischen Subjekt und Allgemeinheit.

 

 

 

 

 

Allerdings stellt das nun die Frage, ob es der „Mensch“ sein kann für den die Veränderung der Regierungsformen gilt, die sich ja auf alle und jeden Menschen erstrecken soll – im Unterschied zur Antike und zum Mittelalter. „Menschen“ dürften kaum in diesen Veränderung übrig geblieben sein, denn „menschlich“ ist Demokratie nicht, kann es nicht sein, weil sie die Verhältnisse nicht so ordnen kann, dass ein Mensch in Tokio oder Shanghai dieselben menschlichen Verhältnisse vorfindet wie einer in Berlin oder Venedig bzw. davon überzeugt ist, dass die Verhältnisse in Berlin oder Venedig menschlich sind.

 

Die Veränderung der Regierungsformen resultiert auch aus einem neuen Objekt des Regiertwerdens: die Regierten werden mehr und anders.

 

Subjekte“, wie es das „Erkenntnissubjekt“ suggeriert, sind sie nicht, weil schon der Plural ungewöhnlich ist und als Plural schon kaum noch Verbindung mit dem Erkenntnissubjekt hat. Ähnliches gilt für die „Iche“, die aus dem Prinzip der Philosophie – Schelling :„Vom Ich als Princip der Philosophie“ (1795) - um 1800 hervorgehen müssten. Auch hier gilt, dass diese Prinzipien zu singulär sind, als dass sie Objekte für die Demokratie abgeben könnten.

 

 

 

Alle Menschen - und ein jeder Mensch - werden in das umgesetzt, was zunächst einmal das Unteilbare heißt, also dasjenige, was so eigenwillig ist, das es keine Übereinstimmung mit einem anderen geben kann. Diese Eigenwilligkeit war zu anderen Zeiten durchaus bekannt. In der Antike hießen diejenigen, die nicht dazu gehörten, idiota.

 

Die Suche nach Übereinstimmungen, um die Eigenwilligkeiten zu kompensieren, beginnt erst in der Moderne, und heutzutage sind wir fleißig dabei, Gruppierungen zu finden, die aufgrund von Übereinstimmungen zusammengekommen sind oder als zusammengehörig betrachtet werden können. Letztlich scheitern diese Gruppierungsversuche, und die einzige Gruppierung, die Dauer haben könnte, die Ehe, ist stark gefährdet (hieran wird auch sichtbar, für wen Luther die Rechtfertigung ausspricht und wie unzutreffend das heute noch erscheint).

 

 

 

Das Individuelle (das Unteilbare) löst den „Menschen“ und das Menschliche ab. Daraus folgt, dass die moderne Demokratie das Individuum erfordert, also das Wesen, das insgesamt die Masse für die Demokratie ausmacht, aber andererseits unaufhebbare Eigenwilligkeiten mit sich bringt. Denn diese erheben sich als der Wille, den ein Individuum mit sich bringt und der in seine Selbstbehauptung mündet: „Der tiefste Grund unseres Daseyns ist individuell“ (Herder, Werke ed. Suphan Bd.8, S.207). Das moderne Verständnis setzt sich damit radikal von den Individuumsbegriffen der Antike und des Mittelalters ab und wird Wortgeber einer ausgiebigen zeitgenössischen Erörterung. Das markiert aber auch die Unergründlichkeit von Individualität. Das Individuum ist ein Mikrokosmos (Fr.Schlegel) und die philosophischen Axiomen sind (lediglich) von Individuen getätigt (Goethe, Brief an Schiller 5.5. 1798). W.v. Humboldt sieht in der Individualität das Geheimnis der menschlichen Natur verborgen (Werke, hg. v.A.Leitzmann, Bd. 5, 29).

 

 

 

 

 

Eine moderne Demokratie hat also mit allen Individuen (und deren Eigenwilligkeiten und Geheimnissen) zu tun, vor allem aber mit deren Selbstbehauptung. Diese tut sich in vielen Bereichen des menschlichen Lebens kund und erfordert vielfältige Berücksichtigung. Moderne Demokratie besteht in der Moderation dieser Selbstbehauptung(en) und hat deshalb die Behauptung von der „Gleichheit“ im Panier. Ihre Lebendigkeit gewinnt sie u.a. auch daraus, dass sie um diese Gleichheit ringen muss und sie ein Teil ihrer (rechtsprechenden) Moderation ist.

 

Die Unergründlichkeit des Individuums hat ihre Entsprechung in den unlösbaren, ungelösten Problemen des Geldes, der Moral oder der Mobilität, die wegen ihrer Grundsätzlichkeit anders sind als die üblichen Essentials wie Glaube, Wohlverhalten, Rechtlichkeit, Bildung etc. Denn dem „Geld“ oder der „Mobilität“ werden alle Wege eröffnet, der Moral immerhin einige, aber halt nicht alle.

 

So frei das Individuum erscheint, so abhängig ist es auch. Mit ihm kommt der Umstand des Lebensunterhalts in ganz neuer Form zum Ausdruck: das Individuum benötigt „Arbeit“ und opfert viel Lebenszeit an diese Arbeit (man denke an den völlig neuartigen Begriff „Arbeitsmarkt“). Das mindert die Vermutung, das Individuum sei autark. Die Minderung der Stärke des Individuums geht auch aus der Machtlosigkeit der Ideen hervor. Gehandelt wird nicht aus einer „Idee“ heraus. Denn die Einsträngigkeit der Ideen wird widerlegt durch ihre tatsächliche Komplexität: die Umwelt wird mit den gleichen „Ideen“ zerstört, mit denen diesem Tun Einhalt geboten wird, nämlich z.B. mit der Idee der Vernunft (Mobilitätswege [also Schienen, Straßen, Flugplätze] zu bauen ist vernünftig, aber wir sehen ebenso ein, dass Mobilitätswege Umwelt zerstören).

 

 

 

 

 

Nun können wir auch über das Böckenförde-Paradox (oder: -Diktum; erstmals formuliert 1964) sprechen, demnach der säkularisierte Staat aufgrund von Voraussetzungen existiere, die er selbst nicht garantieren könne. Natürlich ist das davon überholt, dass es mittlerweile eine flächendeckende Demokratie gibt und die von ihr Betroffenen Individuen sind; auch ist zu sehen, dass diese Demokratie flächendeckend bzw. angestrebt ist und so ihre Voraussetzung im Fortschritt liegt. Dennoch bleibt eine gewisse Unbegründetheit bestehen, die allerdings aus den Bereichen kommt, die noch nicht demokratisch durchstrukturiert sind (aber noch werden). Benannt wird damit die Erkundungstiefe, die demokratisch noch nicht ausgelotet ist. Aus ihr steigt die geheimnisvolle Crux auf, die darin besteht, dass „Demokratien“ in ihrem Drang nach Verwirklichung und überzeugt von der Qualität ihres Vorgehens (z.B. als notwendig zur Daseinsbewältigung - Jaspers) genau die Umstände hervorrufen, die dieser Qualität widersprechen. Willy Brandt z.B. verkündete 1969, dass seine Regierung „mehr Demokratie wagen“ wolle. Er verstand darunter den Abbau von Hierarchien, den Ausbau von gleichberechtigtem Mitwirken aller, was über Mitbestimmung usw. erfolgte, gleichzeitig fand aber ein fast nicht bemerkter Ausbau der Zersiedelung und eine erhebliche Zunahme der Betonierung statt (also das Imperativische der Einzigartigkeit). Die Individuen bekamen ihr Recht (Mitwirkung bzw. Mitbestimmung), gleichzeitig aber veränderten sich ihre Lebensbereiche in Richtung technisierter Umstände, die sie so nicht gewollt hatten. Der Wille des Individuums ist also heikel, jedenfalls mehr als ambivalent.

 

 

 

Demokratie“ dringt unaufhaltsam vor (Brandts Regierungserklärung war ein Schub), demokratisiert unsere Lebensumstände und gleichzeitig wird mit dieser Demokratisierung der Zugriff der Technik forciert, etwas, was kein Individuum will, wozu es aber vollumfänglich beiträgt. Das Individuum will Demokratie, bekommt sie auch, aber dazu (?, eher zugleich) eine Ausweitung der Technik. Es ist das eine ganz eigentümliche Situation, nämlich das Sinnvolle zu verwirklichen, gleichzeitig aber etwas ganz anderes zu erwirken.

 

Und das wiederum betrifft uns als Individuen. Die Moderne ist dadurch gekennzeichnet, dass der Mensch zum Individuum wird und dieses sich verantwortlich für die gesamte (Gestaltung der) Welt fühlt. Handelt es qualitativ überlegt und verantwortungsvoll, so forciert es gleichzeitig seine Selbstbehauptung. Und die fordert seine Fundierung auch in Gegebenheiten, die es selbst einerseits nicht überschaut, die aber andererseits für es und alle anderen schädigend sind. Das Individuum steckt in einem Dilemma, das es nur sehr schwer erkennt und aus dem es kaum herauskommt, selbst wenn es das erkannt haben sollte.

 

Entscheidend ist nun, dass wir uns die Paradoxie klar machen: wir wollen die Beförderung der Demokratie, wir wollen als deren Grundlage die Beförderung der Individualität, sind damit aber gleichzeitig diejenigen, die die Zerstörung unserer Welt vorantreiben, etwas, was wir unbedingt vermeiden wollen, aber nicht können, solange wir für Gleichheit und Brüderlichkeit sind (Der Bruder Nachbar muss die gleichen Rechte auf Mobilität haben wie jeder andere, also muss auch er Anschluss an das „Straßennetz“ haben – mit allen negativen Folgen für die Umwelt).

 

 

 

 

 

Betrachten wir Demokratie, dann ist sie die Regierungsform, die fast zwangsläufig deshalb so flächendeckend wird, weil sie auf „Individualität“ basiert, was für die anderen Formen nicht zutrifft und was diese auch nie erreichen können: Individuen sind gegenüber Monarchien, Aristokratien oder Diktaturen irrelevant.

 

 

 

Aus den Regierungsformen geht die Demokratie als alleinige hervor, in dem sie den Wirkungsbereich einer Rgeierungsform erweitert. Sie gilt zunehmend mehr für alle und jeden, so dass „alle und jeder“ eine neue Qualität erhält. „Alle und jeder“ heißen nun Individuen. Sie sind das Resultat der Veränderung von regierten Menschen zu den „allen und jeden“. Es kann hier auf Luhmann hingewiesen werden, der die wachsende Komplexität sozialer Systeme für die Steigerung individueller Begründungen verantwortlich macht und diese Individualität dann als Exklusionsindividualität kennzeichnet.

 

 

 

Und da alle (Individuen) besonders sind, wollen sie diese Besonderheit auch gewürdigt wissen, in einer „moralischen“ Individualität (Aufklärung) etwas weniger, in einer „romantischen“ Individualität etwas mehr und rigoroser – beides als Bestandteile der Moderne: „Individualität ist der elementare Tatbestand unserer Welt“ (Volker Gerhardt). Diese Besonderheit ist ihre (heilige) Lebensbedingung. Den Individuen geht es ganz elementar um ihre Selbstbehauptung. Und Selbstbehauptung kennt keine (Be)Grenzen (ung) und kein Maß. Selbstbehauptung erwirkt für sich einen Platz im Konzert der Individuen. Soziale Gruppierungen (Familien, Verwandtschaftskreise, Vereine, Parteien, Klassen usw.) können den Selbstbehauptungswillen interessengeleitet zu lenken versuchen, aber nur für eine gewisse Zeit, dann meldet sich der individuelle Wille und dessen Zielrichtung ist meistens nicht absehbar, aber durchsetzungsfähig (Selbstinteresse; Einzigartigkeit). Einerseits (Obwohl das Individuelle überhaupt nicht analysiert wird sondern fraglos vorausgesetzt wird).

 

Andererseits wirkt sich diese Selbstbehauptung so aus, dass jedes Individuum letztlich alleine ist, was unmittelbare Folge seiner angenommenen Einzigartigkeit ist (Alleinsein: was macht das Individuum, wenn es sich selbst behauptet hat; Hegels „Für-Sich-Sein“). Um dieses Dilemma weiß es und das macht es so „unberechenbar“, nämlich mächtig (M.Foucault, Subjekt und Macht) einerseits, verletzlich andererseits.

 

 

 

Diese Individuen sind es auch, die aufgrund ihrer Beschaffenheit, nämlich einzeln etwas je Eigenes zu verkörpern, und der nur in der Demokratie möglichen Individualisierung ihrer Interessen, diese Möglichkeiten der Demokratie aufgreifen und über die Demokratisierung umsetzen können. Aus diesem Zusammenhang ergibt sich wiederum, dass das Individuum ein zentraler Umschlagplatz der Moderne ist, in das alle anderen Bestandteile der Moderne münden können. Wer als verantwortliches Individuum handeln will, mündet zwangsläufig in der grundlegenden Ambivalenz der Moderne: ihren notwendigen und angestrebten „Fortschritt“ gibt es nur unter hohen Kosten (Umwelt, Volksvermögen, Lebenszeit, Unmittelbarkeit usw.[man muss mal überlegen, ob die Lebensverlängerung gelebtes bzw. lebbares Leben bringt und ob nicht das „kurze“ Leben, z.B. im Mittelalter mit etwa 35 Jahren, lebenswerter war]), Kosten, die allerdings kaum veranschlagt werden (wer kennt denn schon die wahren Kosten der Mobilität, also die, die über den Unterhalt des Fahrzeugs hinausgehen).

 

 

 

 

 

Unser Dilemma ist also nicht so sehr die Unbegründbarkeit der Voraussetzungen unseres Staates als vielmehr die Durchsetzungsnotwendigkeit unserer Individualität, die mit der (lebensnotwendigen) Durchsetzung auch eine Zerstörung unserer Lebenswelt mit sich bringt, mit sich bringen muss.

 

Wie sehr „Demokratie“ und „Individualismus“ auf einander angewiesen sind, geht viel eher aus der Sonnenseite der Demokratie hervor als aus ihrer durchaus schattigen, verbrecherischen oder mafiösen. Man freut sich über den repressionsfreien Meinungsaustausch unter den zahlreichen, toleranten Nachbarn.

 

Tatsächlich „tauscht“ man aber repressionsfrei nur die Meinung eines einzigen aus, so dass es kein „Austausch“ ist. Alle anderen haben ihre differierende Meinung (in der Soziologie könnte man da an „Figuration“[Norbert Elias] denken oder an „Selbstbestimmung“ [Volker Gerhardt]). Das ist auch der Grund dafür, dass manche meinen, wir hätten eine Maske, sogar eine Verkleidung, wir seien also nicht „echt“. Diese differierende Meinung reicht durchaus bis zu Mord und Totschlag, denn die versammelten Individuen sind nie einer Meinung, vor allem mögen sie die anderen Meinungsträger nie so sehr, dass sie die Unterschiede vergessen, oder vergessen, das es auch mal anders war oder sein könnte.

 

Demokratie“ bündelt diese divergenten Meinungen so, dass sie handlungsmöglich werden, denn auch Individuen wollen ihr Umfeld „friedlich“ halten. Das aber nur, weil sie daraus ihre eigene Freiheit gewinnen, die sie als ihren Durchsetzungsraum verstehen. Das ist das Motiv der Individuen für die Demokratie.

 

 

 

 

 

Demokratisieren“ ist also durchaus ambivalent und „Demokratie“ kein Dorado für das richtige, wahrhaftige Tun. Aber da wir Individuen sind, müssen wir uns mit diesem Schicksal in der Moderne abfinden. Wir müssen es nur wissen.

 

Und „wissen“ ist das Grundwort der Moderne. So wie es in ihrem Schlüsseldrama zum Ausdruck kommt: „Und sehe, daß wir nichts wissen können! / Das will mir schier das Herz verbrennen.“ (Faust, VV.362 und 363). Damit beginnt ein Wissenszug, der kein Ende findet, weil das Individuum als Erkenntnissubjekt Bestandteil einer riesigen Wissensmaschine ist. „Riesige Wissensmaschine“ ist nicht ohne Bedacht gesagt, weil das Individuum aufgrund seiner und der maschinellen Anlage einer sehr vertrackten Bedingnis ausgeliefert ist bzw. sich ausliefern muss: je mehr es weiß, um so mehr muss es eingreifen, tun, handeln, bestimmen, steuern usw. Mehrwissen hilft ihm zwar zunächst, öffnet dann aber den Bereich des Mehrtun müssens (z.B. „Umwelt“: zunächst verbraucht er die Umwelt unwissend [z.B. für seine „Mobilität“], weil die sich eröffnenden Möglichkeiten ihm vorgaukeln, es ginge „kostenlos“ vorwärts bzw. besser [als zuvor], dann aber merkt das Individuum, sehr wahrscheinlich ein späteres, welche Kosten das tatsächlich erfordert und es versucht umzusteuern ).

 

Und innerhalb dieser Maschinerie hat das Individuum sein Leben zu organisieren. Dieses Organisieren bestimmt auch die Anlage des politischen Daseins und hier kommt das „Demokratisieren“ zur Anwendung: Keine Regierungsform sonst erlaubt eine Organisation des Lebens mit ihr, nur diese moderne Demokratie. Alle anderen Regierungsformen sind in einer der Demokratisierung gegenüber seltsamen Abgewandtheit. Demokratie durchdringt sämtliche Regelungsgeschäfte und wird über „Demokratisierung“ Organisationsprinzip sämtlicher individueller Lebensangelegenheiten.

 

 

 

Demokratie ist also keine Errungenschaft, sondern eine Komponente der individuellen Lebensorganisation und insofern ist auch „Politik“ zu einer solchen Komponente aufgerückt, nach dem sie vor 1800 fast überhaupt nicht die Menschen tangierte („Abgewandtheit“). Der Wille, am politischen Geschehen beteiligt zu werden, ist durchaus zwiespältig: das gestaltende Eingreifen war zuvor (vor 1800) kaum möglich und auch kaum notwendig, Politik erschien wie ein Schicksal, dann aber ergab sich die Möglichkeit des Eingreifens und sofort erschien die Möglichkeit des Mit-Steuerns. Tatsächlich aber ist diese Möglichkeit sehr aufwendig und insgesamt sehr gering in seiner Wirkung, aber infolge der „Verantwortung“ des „Einzelnen“ schwebt sie wie ein Damokles-Schwert über uns.

 

Damit ergibt sich Demokratie (fast) von selbst, nämlich als Äquivalent zum Individualismus. Das bringt auch die nationalen und sozialistischen (letztlich undemokratischen) Kollektivierungsversuche – also der Aufhebungsversuche des individuellen Lebens - im 20. Jahrhundert zum Scheitern.

 

Fast könnte man die vielfachen Äußerungen zur „Gefährdung“ der Demokratie, ihrer mangelnden Durchsetzung amüsiert zur Kenntnis nehmen, denn solange wir Menschen uns als Individuen weltweit verwirklichen, wird es weltweit den Drang zur Demokratisierung geben. Diese Sorge müssen wir uns also nicht machen, aber besorgt sein müssen wir über den Angriff der Individualität auf den Menschen. „Der Mensch“ ist nämlich schon um den Bereich „Erkenntnis“ geschmälert, der gänzlich auf das Individuum und seine sehr ernstzunehmende Verantwortung übergegangen ist. Ein Entkommen ist dem Menschen nicht möglich, denn er ist ja gleichzeitig dieses Individuum. Das ist das vertrackte Schicksal der Moderne - Sisyphos läßt grüßen: dieser griechische Mythos vom verschlagenen König von Korinth, dem dann (als Strafe) die Absurdität des ewigen Steine-wälzens zugemutet wurde. Der Stein fiel kurz vor dem Gipfel immer wieder herab und Sisyphos musste von neuem beginnen: so muss auch das Individuum, das unter großen Mühen ein Problem bewältigt hat, dann aber merken, dass das nächste sich schon aufgetürmt hat – und so weiter, in alle denkbare individuelle Ewigkeit.

 

Wir müssen darüber nachdenken, wie wir aus den Bedingungen des Individuums und seiner Individualität wieder herauskommen. Fast ist es aussichtslos, aber nicht ganz: wir dürfen dem Betrieb des Individuums keine Energie geben.